Ali Lahlou

Ali Lahlou, Casablanca 

1. Herr Lahlou, wie lange leben Sie schon in Deutschland und warum haben Sie sich bzw. Ihre Eltern für Deutschland entschieden?

Ich habe fast 20 Jahre in Deutschland gelebt. Ich hatte dort schon Verwandte, das hat mir die Entscheidung erleichtert. Ich bin nach Deutschland gegangen, um zu studieren. Die Qualität der Ausbildung in Deutschland ist natürlich sehr gut.

2. Im Laufe der Jahre haben Sie sicherlich Einiges erlebt. Können Sie uns 1-2 besondere Fälle schildern, die Ihren Lebenslauf charakterisiert haben?

Bei mir sind nicht ein, zwei besondere Erinnerungen hängengeblieben. Woran ich mich noch gut erinnere ist, wie schwierig es war! Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich die Sprache nicht gesprochen. Und dennoch wollte ich eine Ausbildung absolvieren. Das hat mich eine Menge Energie gekostet, ich habe Enttäuschungen erlebt und Zeiten echter Verzweiflung durchgemacht. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, denke ich vor allem an meine Tante. Sie war mein Halt. Sie hat mich durch die schwierigen Zeiten geschleppt und ich konnte jederzeit bei ihr meine Wut ablassen, wenn wieder etwas schiefgelaufen war.

3. Welche Vorbilder prägten Sie und woher kamen die Anregungen für ihre Entwicklung?

Das waren meine Tante, aber auch meine Eltern. Die waren natürlich die ganze Zeit über in Marokko. Mich gehen zu lassen war schmerzhaft für sie. Das war wirklich nicht einfach. Aber ich bin sehr froh, dass sie letztendlich doch den Mut hatten. Und das Vertrauen in mich.

4. Was verbindet Sie mit Deutschland, was ist schätzenswert und lebenswert, was müsste korrigiert werden?

Deutschland ist meine zweite Heimat geworden. Wenn ich dort nicht gelebt hätte, wäre ich ein anderer Mensch.  

5. Wenn Sie heute den Wunsch frei hätten, würden Sie wieder nach Deutschland kommen? Warum?

Ich muss ehrlich sagen: Nein. Jetzt, da ich wieder zu Hause bin, genieße ich das sehr. Schon während meines Technikstudiums habe ich beschlossen, wieder zurückzugehen. Ich war überzeugt davon, dass ich mit meinen Kenntnissen und Erfahrungen in Marokko doch mehr erreichen könnte als in Deutschland. Dort ist man einer von vielen, aber hier ist man mit den eigenen Kenntnissen noch etwas Besonderes. Glücklicherweise hat das gut geklappt. Ich habe ein florierendes Geschäft und biete meinen Mitarbeitern – ganz bewusst – gute Arbeitsbedingungen. Sie kommen gern zur Arbeit und ich finde es gut, ihnen eine Grundlage für eine lebenswerte Zukunft bieten zu können. Im Gegensatz zu vielen anderen können meine Mitarbeiter ihre Kinder mit einer guten Ausgangsqualifizierung auf den Arbeitsmarkt schicken.

6. Ist der Bereich, den sie studiert haben bzw. wo Sie jetzt arbeiten schon immer Ihr Traum gewesen oder welchen Beruf hätten Sie sonst gern ausgeübt?

Ich bin nicht so ein Planertyp. Ich wollte einfach nur ein interessantes Studium absolvieren. Auch als ich zurückging, hatte ich eigentlich keinen konkreten Plan. Ich habe ein Flugticket gebucht und bin einfach zurück. Ich muss aber gestehen, dass ich nie daran gedacht habe, mich selbstständig zu machen, zumindest nicht schon so jung (ich bin jetzt 32 Jahre alt). Ich hatte übrigens auch verschiedene Angebote für Festanstellungen, auch bei großen Firmen! Aber da verdient man ziemlich wenig. Und ich möchte auch meine Freunde in Deutschland noch hin und wieder besuchen können. Außerdem ist die Art und Weise zu arbeiten hier doch anders und ich weiß nicht, ob ich mich in dieser Unternehmenskultur wohlgefühlt hätte. So entstand also die Idee, eine eigene Firma zu gründen.

7. Was ist Ihnen in der Schule oder an der Hochschule am schwersten gefallen? 

In der Zeit der Gründung bin ich auf zahlreiche Hindernisse gestoßen, die mich demotiviert haben. Aber ich habe sie alle gemeistert. Wahrscheinlich war es dieses Ringen, von dem ich jetzt als Unternehmer am meisten profitiere.

8. Wie sind Sie zu dem geworden was Sie heute sind und welche Rolle spielte dabei Deutschland, welche Chancen gab es oder verwehrte Ihnen Deutschland?

9. Welches Entwicklungspotenzial hat Marokko heute?

In Marokko pulsiert das Leben. Hier kann man so viel machen! Man sieht richtig, wie sich das Land mit jedem Tag verändert. Gerade für Unternehmer eröffnen sich da Chancen. Ich habe im August 2009 mit meinem eigenen Sicherheitsdienst begonnen, mit eigenem Geld. Ich habe mit fünf Beschäftigten begonnen, aber im vergangenen Jahr habe ich einen Konkurrenten übernommen und jetzt sind bei mir 85 Mann beschäftigt. Ich glaube nicht, dass das in Deutschland so schnell gegangen wäre.

10. Welcher Beitrag könnte die Diaspora bei dieser Zusammenarbeit leisten?

Es gibt meines Erachtens noch genügend Chancen für intensivere Handelsbeziehungen. Ich glaube auch, dass es einem hilft, wenn man beide Länder und Kulturen kennt und die Sprache spricht. Auf der anderen Seite: Meine marokkanischen Freunde in Deutschland kennen Marokko nicht richtig. Ja, vom Urlaub, aber das ist nicht das eigentliche Marokko.

11. Wie beschreiben Sie Ihr Engagement für die Entwicklungszusammenarbeit in Ihrer Heimat? Nennen Sie ein paar Beispiele?

Ich sehe mich selbst nicht als Entwicklungshelfer. Aber es steht außer Frage, dass sich mein Engagement in bestimmter Weise auswirkt. Auf das Land, auf die Wirtschaft und auf das Leben der Menschen, denen man einen Job und damit eine Zukunft bieten kann. Das ist es auch, was ich meinte mit „Man kann hier mehr erreichen“. Das gibt dem Ganzen eine besondere Tragweite.

12. Und zum Schluss: Haben  Sie ein Lebensmotto?

Nein, ich habe kein Motto, aber das „Just do it“ von Nike finde ich schon sehr gut.

Vielen Dank für das Gespräch. Das Gespräch führte Frau A. Idrissy von IntEnt Maroc, www.intent-maroc.com, mit Finanzierung Europas.

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