Migration

Migrationsgeschichte

Die Geschichte der marokkanischen Einwanderer in Europa beginnt mit dem Ende des zweiten Weltkriegs. In der Nachkriegszeit stellt der Wiederaufbau Europas eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte dar. Deutschland, Frankreich, Holland und Belgien verzeichneten ein deutliches Wirtschaftswachstum, der mit einem zunehmenden wachsenden Bedarf nach Arbeitskräften einherging. Den Mangel an einheimischen Arbeitskräften lösten die politischen Entscheidungsträger mit dem Abschluss von Anwerbeabkommen (Bade 1992: 393 ff.; Korte/Schmidt 1983: 15).
Marokko vereinbarte Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts mit Deutschland, Frankreich, Holland und Belgien ein Anwerbeabkommen. Darin einigten sich die Vertragspartner darauf, dass für marokkanische Arbeitskräfte der Arbeitsmarkt in den europäischen Ländern geöffnet wird. Der Nordosten Marokkos war besonders von den Vereinbarungen betroffen. In der Folgezeit wanderten hunderttausende Einwohner des Rifs aufgrund der schlechten ökonomischen und politischen Lage im Heimatland aus (Hermans 1991: 4).

Aus Untersuchungen über türkische Auswanderer ist bekannt, dass eine Vielzahl der Arbeitsimmigranten nur temporär nach Europa immigrieren wollte. Häufig mit der Absicht Geld zu verdienen, um im Heimatland eine eigene wirtschaftliche Existenzgrundlage zu schaffen. Für viele türkische Auswanderer blieb dieses Migrationsziel Zeit ihres Lebens ein Traum (Treibel 1990: 80). Von den marokkanischen Arbeitsimmigranten ist ein ähnliches Auswanderungsmotiv anzunehmen, wissen tun wir dies nicht.

Mit dem Ölembargo 1973 setzte ein Anwerbestopp in den verschiedenen Ländern Europas ein. Mit dem Einreiseverbot zur Arbeitsaufnahme änderte sich für viele Arbeitsimmigranten ihr temporäres Migrationsprojekt zu einem langfristig angelegten Einwanderungsprozess. Mit dem Anwerbestopp folgte im Rahmen der Familienzusammenführung die Niederlassung der Arbeitsimmigranten in Deutschland, Frankreich, Belgien und Holland (Santel/Weber 2000: 109).

Das Schaubild 1 bildet die Migrationsbewegung marokkanischstämmiger Immigranten von 1964 bis 2006 nach Deutschland ab.  Von 1964 bis 1973 dominierte die Einwanderung von männlichen Arbeitsimmigranten aus Marokko. Das Ölembargo von 1973 veränderte die Migrationsbedingungen. Die Ölkrise führte zu einer wirtschaftlichen Stagnation und zu einer steigenden Arbeitslosigkeitsrate in Deutschland. Infolgedessen löste die Bundesregierung die Anwerbeverträge zwischen Deutschland und Marokko am 23. November 1973 auf, um die Zahl der Immigranten nach Deutschland zu senken.

Abbildung 1:Migrationsbewegung

Quelle: Statistisches Bundesamt

Aus der Abbildung 1 ist ablesbar, dass die durchschnittliche Zahl der marokkanischstämmigen Einwanderer pro Jahr in der ersten Phase (zwischen 1964 und 1973) von 1.678 sich in der zweiten Phase (zwischen 1974 und 1986) auf 1.252 reduzierte. Nach 1987 stieg der Durchschnittswert auf 2.494 marokkanischstämmige Einwanderer pro Jahr an und liegt damit aktuell über dem Durchschnittswert der Anwerbungsphase. Der Bundesregierung ist es mit ihrer Immigrationspolitik folglich nicht gelungen, die Einwanderung von marokkanischstämmigen Immigranten dauerhaft zu reduzieren.

Die sich wandelnden Migrationsbedingungen schlagen sich nach de Haas in der Verände-rung der Einwanderungsstrategie nieder. Im Gegensatz zu der ersten Phase, die von männli-chen Gastarbeitern dominiert worden sei, zeichne sich die zweite Phase durch den Zuzug von Familienmitgliedern aus. Das temporäre Arbeitsimmigrationsprojekt der Gastarbeiter ist nach seinen Ergebnissen durch ein auf Dauer angelegtes Einwanderungs- und Niederlassungsprojekt ersetzt worden. Im Rahmen der Familienzusammenführung sei der Zuzug der Ehefrauen und der Kinder aus dem Heimatland durch die Arbeitsimmigranten forciert worden, um den Lebensschwerpunkt von Marokko auf Deutschland zu verlagern (de Haas 2005: 8).
Insgesamt leben heute mehr als 80.000 Einwanderer marokkanischer Herkunft in Deutschland. Aufgrund der hohen Einbürgerungsquote  unter den Immigranten mit marokkanischem Migrationshintergrund ist eine genaue Zahlenangabe nicht möglich. Die amtlichen Statistiken weisen ausschließlich die Zahl der Bürger mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft aus.

Abbildung 2: Immigranten mit marokkanischer Staatsbürgerschaft nach Bundesland (Tsd.).

Quelle: Statistisches Bundesamt; Stand 30.06.2006

Es ist aus der Abbildung abzulesen, dass die meisten der Arbeitsimmigranten mit marokkanischem Migrationshintergrund in Nordrhein-Westfalen und Hessen leben. Zu den Städten mit einem großen Anteil an Mitbürgern marokkanischer Herkunft gehören Frankfurt, Düsseldorf und Dortmund.

Das kulturelle, soziale und ökonomische Engagement vieler Einwanderer marokkanischer Herkunft prägt das Leben der Städte in Deutschland. Zu erwähnen sind die vielen kleinen Gemüsehändler, die orientalischen Einrichtungs- oder Schmuckgeschäfte. Darüber hinaus leistet eine Vielzahl von Vereinen mit einem deutsch-marokkanischem Entstehungshintergrund einen kulturellen Beitrag zum bunten Leben in den Städten Deutschlands bei. Dazu gehört die Organisation von orientalischen Tanzveranstaltungen, Konzerten oder von Studienreisen nach Marokko. Neben den kulturellen Aktivitäten sind es auch die deutsch-marokkanischen Kulturvereine, die ihren Mitgliedern einen Treffpunkt bieten. Manche der Vereine stellen sogenannte Moscheevereine dar, die ihren Mitgliedern die Möglichkeit bieten ihren religiösen Bedürfnissen nachzukommen.

Die Sozialwissenschaft hat bisher zu der Gruppe der marokkanischen Arbeitsimmigranten kaum etwas publiziert. Wir wissen, dass viele Arbeitsimmigranten der ersten Generation in den 60ern des 20. Jahrhunderts eingewandert sind und häufig in einem Bergwerk, in der Metall verarbeitenden Industrie oder im Baugewerbe eine Anstellung gefunden haben. Heute lebt ein großer Teil der ersten Generation marokkanischer Einwanderer seit mehr als 30 Jahren in Deutschland (Hermans 1991:4).

Abbildung 3: Aufenthaltsdauer von marokkanischen Staatsbürgern in Deutschland.

Quelle: Daten-Fakten-Trends, Hrsg: Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Stand 2004

Heute dürfte ein Großteil der ersten Arbeitsimmigranten zwischen 60 und 70 Jahre alt sein. Anhand der Abbildung zwei ist feststellen, dass mit der Zeit die erste Generation der Arbeitsimmigranten nicht mehr zu befragen ist. Denn es gehören nur noch 12 Prozent der Immigranten marokkanischer Herkunft zu Gruppen mit einer Aufenthaltsdauer von über 30 Jahre in Deutschland. Genau diese Gruppe ist für unsere Untersuchung aber interessant, weil mit einer großen Wahrscheinlichkeit sich viele Arbeitsimmigranten der ersten Generation darunter befinden. Deshalb gilt es gemeinsam dafür Sorge zu tragen, dass ihre Erfahrungen und Erlebnisse nicht für immer verloren gehen.